PRESSEINFORMATION ZUM WORLD HORMONE DAY
Versorgung von Menschen mit Hormon- und Stoffwechselerkrankungen gefährdet!
(Wien, 23. April 2026) – Hormone regulieren als zentrale Botenstoffe lebenswichtige Systeme wie das Herz-Kreis-Kreislaufsystem oder den Energie- und Kohlenhydratstoffwechsel.
Am 24. April ist Welthormontag, dies ist ein guter Anlass, um auf das Fachgebiet Endokrinologie und Diabetologie zu blicken. Es umfasst Volkserkrankungen wie Diabetes mellitus, Osteoporose, Schilddrüsenerkrankungen oder Fettstoffwechselstörungen aber auch seltenere Krankheitsbilder wie Erkrankungen der Hirnanhangsdrüse, Nebennieren und der Keimdrüsen sowie seltene genetische Erkrankungen. Durch die zunehmende Spezialisierung in der Behandlung von hochprävalenten Erkrankungen wie dem Diabetes mellitus Typ 2 ist neben der Betreuung durch AllgemeinmedizinerInnen und InternistInnen zunehmend die Expertise von FachärztInnen der Endokrinologie und Diabetologie gefragt. In Österreich stehen dafür nur 310 spezialisierte InternistInnen zur Verfügung – etwa die Hälfte davon im niedergelassenen Bereich. Rund 30% dieser SpezialistInnen sind bereits über 60 Jahre alt und gehen in absehbarer Zeit in Pension.
Zu wenige FachärztInnen für den tatsächlichen Bedarf
„Um den medizinischen Bedarf zu decken, wären aus unserer Sicht mindestens 400 FachärztInnen erforderlich“, erklärt Univ. Prof. Thomas Scherer, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Endokrinologie und Stoffwechsel (ÖGES). Es fehlen somit aktuell etwa 90 SpezialistInnen; noch dazu werden weitere 90 in den nächsten 5 Jahren auf Grund von Pensionierungen wegfallen. Gleichzeitig schließen aufgrund begrenzter Ausbildungsstellen aber nur ca. 15 ÄrztInnen pro Jahr ihre Fachausbildung ab, eine Zahl die nicht einmal die absehbaren Pensionierungen kompensiert. Zudem werden trotz großem Interesse an diesem zentralen Sonderfach der Inneren Medizin ein Drittel der verfügbaren Ausbildungsstellen meist wegen fehlender finanzieller Mittel oder anderer Prioritätensetzung der Ausbildungsstätten nicht voll ausgeschöpft. Die Versorgung von PatientInnen mit Hormon- und Stoffwechselerkrankungen steht damit bereits heute unter erheblichem Druck. „Ohne rasche Maßnahmen – insbesondere mehr Ausbildungsplätze, zusätzliche FachärztInnenstellen und attraktivere Arbeitsbedingungen – wird sich die Versorgungslücke weiter vergrößern“, ergänzt Univ. Prof. Harald Sourij, Präsident der Österreichischen Diabetesgesellschaft (ÖDG).
Diabetes: Hoher Versorgungsbedarf und fachliche Expertise
Rund 800.000 Menschen leben in Österreich mit Diabetes mellitus. Allein die etwa 30.000 Patientinnen und Patienten mit Typ-1-Diabetes benötigen mindestens zwei fachärztliche Kontrollen pro Jahr. Auch rund 8.000 Schwangere mit Gestationsdiabetes müssen während der Schwangerschaft engmaschig betreut werden – das entspricht mindestens 100.000 FachärztInnenkontakten jährlich.
Von den über 700.000 Menschen mit Typ-2-Diabetes hat bereits etwa ein Drittel Folgeerkrankungen. Laut Diabetes-Management-Programm „Therapie Aktiv“ sollten diese PatientI nnen zumindest einmal jährlich fachärztlich kontrolliert werden. Aktuell werden nur rund 100.000 Betroffene im strukturierten Programm betreut, hier besteht zusätzlicher Handlungsbedarf um möglichst viele Personen in das Programm aufzunehmen. Wir gehen im Bereich Typ 2 Diabetes von rund 200.000 FachärztInnenkontakten pro Jahr aus.
Österreichische Daten zeigen, dass nahezu 3 von 10 KrankenhauspatientInnen Diabetes als Haupt- oder Nebendiagnose aufweisen. Studien zeigen: In Spitälern mit diabetologischer Expertise ist die Sterblichkeit niedriger. Für eine qualitätsvolle stationäre Versorgung wäre daher in den rund 150 Akutspitälern Österreichs entsprechende endokrinologisch-diabetologische Fachkompetenz wesentlich.
Schilddrüsenerkrankungen: interdisziplinärer Koordinationsbedarf
Schilddrüsenerkrankungen zählen zu den häufigsten endokrinologischen Störungen in Österreich: Bis zu 50 % der Erwachsenen entwickeln im Laufe des Lebens Knoten und pro Jahr finden ca. 10.000 Schilddrüsenoperationen statt. Funktionsstörungen – meist durch Autoimmunerkrankungen – betreffen bis zu 10 % der Bevölkerung. Entsprechend häufig werden Schilddrüsenhormone verschrieben. Die große Zahl der Erkrankten erfordert daher eine enge Zusammenarbeit zwischen Allgemeinmedizin, Innerer Medizin, Nuklearmedizin, Chirurgie, Radiologie und Endokrinologie. Zur strukturierten Abklärung von Knoten inklusive Feinnadelpunktionen sind geschätzten 100.000 fachärztliche Kontakte pro Jahr notwendig.
Eine manifeste Schilddrüsenüberfunktion betrifft rund 63.000 Menschen und erfordert regelmäßige Kontrollen sowie bei komplexen Verläufen (zB. Augenbeteiligung, Hyperthyreose in der Schwangerschaft) spezialisierte Betreuung. Zusätzlich nehmen Schilddrüsenfunktionsstörungen als Nebenwirkung moderner onkologischer Therapien zu. Insgesamt ist von rund 150.000 notwendigen endokrinologischen Kontakten pro Jahr auszugehen.
Hypothalamus- und Hypophysenerkrankungen: lebenslange Betreuung notwendig
Tumoren und Funktionsstörungen der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) sind selten, erfordern jedoch eine spezialisierte und langfristige Betreuung. Internationale Daten zeigen eine Prävalenz von 1.000 Betroffenen pro Million Einwohner. Nach Diagnose und Therapie sind halb- bzw. jährliche Kontrollen notwendig, wodurch sich für Österreich ein Bedarf von > 10.000 Fachkonsultationen pro Jahr ergibt.
Noch nicht berücksichtigt sind dabei PatientInnen mit bleibenden Hypophysenfunktionsstörungen nach Operationen, Bestrahlungen oder als Nebenwirkung von Immuntherapien bei Krebserkrankungen – eine Patientengruppe, die in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen ist.
Nebenschilddrüsenerkrankungen: hoher Betreuungsaufwand rund um Operationen
Erkrankungen der Nebenschilddrüse, insbesondere der primäre Hyperparathyreoidismus und postoperative Hypoparathyreoidismus, machen in Österreich mehrere tausend fachärztliche Kontakte pro Jahr erforderlich. Es ergibt sich ein Bedarf von rund 5.000 Konsultationen jährlich.
Nebennierenerkrankungen: steigender Kontrollbedarf
Raumforderungen der Nebennieren (Prävalenz > 2%) werden häufig zufällig bei radiologischen Untersuchungen entdeckt und müssen endokrinologisch abgeklärt werden, um eine hormonelle Aktivität auszuschließen. Für diese Erstabklärungen ergibt sich ein Bedarf von rund 5.000 Konsultationen jährlich. Während etwa drei Viertel der Tumoren hormonell inaktiv sind, erfordern hormonaktive Tumore zusätzliche, teils lebenslange Kontrollen. Insgesamt ist im Bereich der Nebennieren von über 27.000 endokrinologischen Konsultationen pro Jahr auszugehen. Nicht eingerechnet sind dabei PatientInnen mit primärer Nebenniereninsuffizienz und adrenogenitalem Syndrom.
Weitere Erkrankungen, die von EndokrinologInnen (mit)betreut werden sollen sind Adipositas, Osteoporose oder komplexe Keimdrüsen- und Lipidstoffwechselstörungen, die ebenfalls eine spezialisierte Betreuung benötigen.
Strukturelle Versorgung und steigender Bedarf
Aus struktureller Sicht sollte zumindest jedes Akutspital über endokrinologische Konsiliarexpertise verfügen. Dies verbessert Diagnostik und Therapie hormoneller Erkrankungen und kann langfristig Komplikationen und Kosten reduzieren. Selbst bei konservativer Berechnung ergibt sich in Österreich durch die oben genannten Zahlen ein Bedarf von ca. 600.000 endokrinologischen/diabetologischen Konsultationen pro Jahr – ohne Berücksichtigung von Adipositas, Osteoporose, komplexen Keimdrüsen- und Lipidstörungen oder angeborenen Stoffwechselerkrankungen. Zudem ist aufgrund steigender Adipositasraten und einer alternden Bevölkerung mit einem weiter wachsenden Versorgungsbedarf zu rechnen.
Akuter Handlungsbedarf
Dem steigenden Bedarf stehen derzeit lediglich 310 FachärztInnen gegenüber. Rechnerisch wären damit pro Fachärztin bzw. Facharzt etwa 2.000 Konsultationen jährlich erforderlich – tatsächlich sind jedoch etwa 1.500 ambulante Kontakte pro Jahr realistisch. Um den Bedarf zu decken, wären daher mindestens 400 klinisch tätige Fachärztinnen und Fachärzte in Vollzeit erforderlich.
Gesundheitspolitische Maßnahmen notwendig
Die Versorgung von Menschen mit Hormon- und Stoffwechselerkrankungen steht damit vor einer strukturellen Herausforderung. Bereits heute übersteigt der Bedarf an endokrinologischer und diabetologischer Betreuung die verfügbaren Ressourcen deutlich.
Um die Versorgungssicherheit nachhaltig zu gewährleisten, braucht es daher rasche gesundheitspolitische Maßnahmen:
- vollständige Besetzung bestehender Ausbildungsstellen
- Schaffung zusätzlicher Facharztstellen im niedergelassenen und stationären Bereich
- endokrinologisch-diabetologische Expertise zumindest in Akutspitälern
- attraktivere Arbeitsbedingungen zur Bindung qualifizierter Spezialistinnen und Spezialisten
Die kontinuierliche Betreuung von Patientinnen und Patienten mit hormonellen Erkrankungen ist keine Option, sondern eine medizinische Notwendigkeit. Versorgungssicherheit bedeutet hier Lebensqualität, Komplikationsvermeidung und langfristige Kosteneffizienz für das Gesundheitssystem.
Informationen über die Aktivitäten der ÖGES bzw. ÖDG finden Sie unter www.oeges.at bzw. www.oedg.at
Pressefotos unter: https://www.publichealth.at/portfolio-items/welthormontag/
Rückfragehinweis:
Public Health PR
Mag. Michael Leitner, MAS
Tel.: 01/60 20 530/91
Mail: michael.leitner@publichealth.at
Pressefotos
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Univ. Prof. Thomas Scherer, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Endokrinologie und Stoffwechsel (ÖGES)
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